Infektionen durch Vektoren – eine unterschätzte Ursache chronischer Fatigue
Erst in die Praxis…
Wir haben in unserer Praxis in den letzten 20 Monaten 734 neue Patienten aufgenommen, die zur funktionell-medizinischen Erstkonsultation erschienen und jeweils eine Stunde Kontakt mit dem Arzt hatten, um eine vollständige Anamnese und eventuelle Zusatzuntersuchungen zu erlauben.
Bei 362 Patienten wurde ein Labor veranlasst, andere Patienten brauchten oder wünschten kein Labor (primäre Lifestyle-Ursachen, Schimmelproblematik, anders gelagerte oder anders diagnostizierte Beschwerden, …).
Bei den 362 Patienten wurden 189 Infektionen laborparametrisch bestätigt (serologisch, bei Borreliose außerdem per LTT, da serologisch massiv unterdiagnostiziert), darunter folgende „klassischen“ Vektorinfektionen. Auf die anderen Infektionen wird in einem nächsten Newsletter eingegangen.
Wir konnten
94 Borreliosen
41 Bartonellosen
13 Rickettsiosen
6 Babesiosen
2 Francisella und
1x Anaplasma
nachweisen.
Bei allen Patienten kam es nach der Behandlung zu einer bemerkenswerten Verbesserung der Symptomintensität. Auf unserem Punktescore kam es zu einem Abfall von mindestens der Hälfte des initialen Wertes.
Dann in die Grundlagen… Wenn die Erschöpfung bleibt
Chronische Erschöpfung gehört zu den häufigsten und zugleich schwierigsten Symptomen in der klinischen Praxis. Patienten berichten über Fatigue, reduzierte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Schlafprobleme, Myalgien, Arthralgien, Kopfschmerzen und eine verlängerte Erholungszeit nach Belastung. Bei ausgeprägter Belastungsintoleranz kann auch eine post-exertionelle Malaise (PEM) auftreten.
Die Ursachen sind vielfältig. Neben endokrinen, metabolischen, immunologischen, toxikologischen und psychosozialen Faktoren sollten dabei auch infektiöse und postinfektiöse Erkrankungen berücksichtigt werden.
Gerade vektorübertragene Infektionen verdienen Aufmerksamkeit. Ihre akute Phase kann mild oder unspezifisch verlaufen, und nicht jede Infektion wird zum Zeitpunkt der Übertragung erkannt. Fieber oder ein charakteristisches Exanthem müssen nicht zwingend auftreten. Später dominieren möglicherweise unspezifische Beschwerden wie Erschöpfung, Schmerzen oder neurokognitive Symptome.
Die zentrale klinische Frage lautet deshalb: Könnte hinter einer chronischen Fatigue eine bislang nicht erkannte Infektion oder ein postinfektiöses Syndrom stehen?
Vektorübertragene Infektionen sind mehr als Borreliose
In Mitteleuropa werden vektorübertragene Erkrankungen häufig mit Zecken und Lyme-Borreliose gleichgesetzt. Das Spektrum ist jedoch erheblich größer.
Neben Borrelia burgdorferi sensu lato können unter anderem Anaplasmen, Rickettsien, Babesien, Borrelia miyamotoi und Neoehrlichia mikurensis humanpathogene Bedeutung besitzen.
Und auch der Blick ausschließlich auf Zecken greift zu kurz. Vektoren umfassen Zecken, Stechmücken, Flöhe, Läuse, Sandmücken und Milben. Je nach Erreger bestehen komplexe Übertragungszyklen zwischen tierischen Reservoiren, Arthropoden und Menschen.
Rickettsien illustrieren diese Vielfalt besonders gut: Je nach Spezies können Zecken, Flöhe, Läuse oder Milben als Vektoren fungieren. Bei Bartonellen spielen unter anderem Katzenflöhe, Körperläuse und – bei Bartonella bacilliformis – Sandmücken eine Rolle. Eine relevante Übertragung humanpathogener Bartonellen durch Zecken ist dagegen bislang nicht überzeugend belegt.
Die klinische Betrachtung sollte deshalb von „tick-borne diseases“ auf „vector-borne diseases“ erweitert werden.
Wie groß ist die diagnostische Dunkelziffer?
Für viele vektorübertragene Infektionen ist die tatsächliche europäische Inzidenz nicht zuverlässig bekannt.
Eine 2025 veröffentlichte systematische Übersicht untersuchte 57 Studien aus 19 europäischen Ländern mit insgesamt fast 50.000 Blutspendern. Dabei fanden sich serologische oder molekulare Hinweise auf elf verschiedene zeckenassoziierte Infektionen.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass diese Personen klinisch erkrankt waren. Seropositivität kann eine zurückliegende Exposition anzeigen und ist nicht mit aktiver Infektion gleichzusetzen. Andererseits wissen wir, dass die große Mehrheit (bis >80%) der Patienten, die an Borreliose erkrankt sind keine Antikörper produzieren. Die Daten zeigen so eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen Erregerexposition und klinisch diagnostizierter Erkrankung.
Besonders eindrucksvoll ist die Anaplasmose. Eine europäische Übersicht fand eine durchschnittliche Seroprävalenz von etwa 8 %, in einzelnen Populationen deutlich höhere Werte, während vergleichsweise wenige klinische Erkrankungen dokumentiert wurden. Diese Diskrepanz kann durch asymptomatische Infektionen, Kreuzreaktionen und unterschiedliche Testverfahren erklärt werden – möglicherweise aber auch durch Unterdiagnostik.
Rickettsien – nicht immer das klassische Krankheitsbild
Auch Rickettsiosen werden möglicherweise unterschätzt. In Europa sind unter anderem R.rickettsii, R. conorii, R. helvetica, R. monacensis, R. slovaca, R. raoultii, R. felis und R. typhi relevant.
Das klassische Bild aus Fieber, Exanthem und Eschar ist nicht bei jeder Infektion vorhanden. Mildere oder atypische Verläufe können daher unerkannt bleiben. Zusätzlich besteht ein diagnostisches Zeitfenster: In der frühen Krankheitsphase kann die Serologie noch negativ sein. Je nach Erkrankung und Probenmaterial kann der direkte Erregernachweis mittels PCR deshalb von Bedeutung sein.
Babesien – eine wenig beachtete Differentialdiagnose
Babesien sind intraerythrozytäre Protozoen. In Europa sind insbesondere Babesia divergens, B. venatorum und B. microti von Bedeutung.
Das Spektrum reicht von asymptomatischen Infektionen bis zu Fieber, Schüttelfrost, Anämie, Thrombozytopenie und schwerer Hämolyse. Fatigue kann dabei ein ausgeprägtes Symptom sein.
Neben der natürlichen Übertragung durch Zecken ist auch die Übertragung durch Bluttransfusionen dokumentiert. Europäische Blutspenderstudien zeigen serologische Hinweise auf Babesienexposition, obwohl klinisch diagnostizierte Fälle relativ selten sind. Auch hier stellt sich die Frage nach einer diagnostischen Dunkelziffer.
Bartonellen – andere Vektoren mitdenken
Bartonellosen zeigen besonders deutlich, weshalb die Betrachtung nicht auf Zecken beschränkt werden sollte. Bei Bartonella henselae spielen Katzen und Katzenflöhe eine zentrale epidemiologische Rolle. Bartonella quintana wird durch Körperläuse und Bartonella bacilliformis durch Sandmücken übertragen.
Bartonellen können ein breites klinisches Spektrum verursachen – von Lymphadenopathie und Fieber bis zu Endokarditis, vaskulären, neurologischen und anderen systemischen Manifestationen. Bartonella-DNA wurde auch in Zecken nachgewiesen.
Weitere wenig beachtete Erreger
Auch Borrelia miyamotoi verdient Aufmerksamkeit. Der Erreger gehört zu den Rückfallfieber-Borrelien, wird aber ebenfalls durch Ixodes-Zecken übertragen. Fieber, Kopfschmerzen, Myalgien und Fatigue können auftreten. Diagnostisch relevant ist, dass die klassische Lyme-Serologie für diese Infektion nicht konzipiert wurde.
Ein weiterer erst relativ spät als humanpathogen erkannter Erreger ist Neoehrlichia mikurensis. Er kommt in europäischen Ixodes-Populationen vor und kann insbesondere bei immunsupprimierten Patienten systemische Erkrankungen hervorrufen.
Diese Beispiele zeigen, dass eine negative Lyme-Serologie keineswegs sämtliche vektorübertragenen Infektionen ausschließt.
Die Diagnose bleibt klinisch
Bei der Lyme-Borreliose wird ein fundamentales diagnostisches Prinzip besonders deutlich: Laborwerte müssen im klinischen Kontext interpretiert werden. Die Anamnese und das Krankheitsbild beziehungsweise die Symptomkonstellation, eventuell gestützt durch komplementärmedizinische Methoden, fließen in die prädiktive Wahrscheinlichkeit genauso ein wie die verfügbaren und passenden Labortests und die Expertise des Arztes.
Antikörper dokumentieren eine spezifische humorale Immunantwort. PCR-Verfahren suchen nach Erreger-DNA, ihre Sensitivität hängt jedoch stark von Zeitpunkt, Krankheitsstadium und Probenmaterial ab.
Lymphozytentransformationstests (LTT) erfassen dagegen eine antigenspezifische zelluläre Immunantwort. Gerade bei chronischen Krankheitsbildern ist dieser Ansatz immunologisch interessant.
Infektion oder postinfektiöses Syndrom?
Diese Frage ist insbesondere bei chronischer Fatigue entscheidend.
Nach einer Infektion können Beschwerden fortbestehen, obwohl die akute Infektion kontrolliert wurde. Für die Lyme-Borreliose ist dies als Post-Treatment Lyme Disease Syndrome (PTLDS) beschrieben. Fatigue, Schmerzen, Schlafstörungen und kognitive Beschwerden stehen dabei im Vordergrund. Bemerkenswert sind die klinischen Überschneidungen mit ME/CFS und anderen postinfektiösen Syndromen.
Dabei müssen zwei Situationen unterschieden werden: eine noch aktive oder bislang nicht diagnostizierte Infektion und eine postinfektiöse Dysregulation nach kontrollierter Infektion.
Eine persistierende Symptomatik beweist keine Erregerpersistenz. Umgekehrt sollte bei einer ungeklärten chronischen Fatigue eine mögliche infektiöse oder postinfektiöse Genese differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden.
Fazit
Vektorübertragene Erkrankungen sind mehr als Zeckenkrankheiten – und Zeckenkrankheiten sind mehr als Borreliose.
Anaplasmen, Rickettsien, Babesien, Borrelia miyamotoi, Neoehrlichia mikurensis und Bartonellen zeigen, wie breit das Spektrum vektorassoziierter Erkrankungen ist. Zecken sind wichtige Vektoren, aber auch Flöhe, Läuse, Mücken, Sandmücken und Milben gehören zum epidemiologischen Gesamtbild.
Gerade bei Patienten mit chronischer Fatigue, Belastungsintoleranz, Myalgien, Arthralgien und neurokognitiven Beschwerden lohnt es sich daher, infektiöse und postinfektiöse Mechanismen differenzialdiagnostisch mitzudenken.
Die Herausforderung besteht nicht darin, möglichst viele Erreger zu testen, sondern klinisches Bild, Exposition und gezielte Labordiagnostik zusammenzuführen. Nicht der einzelne Laborwert stellt die Diagnose – sondern seine Einordnung in das klinische Gesamtbild.
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